Friday, 18. november 2011 5 18 /11 /Nov. /2011 15:43

Der Plan der Politik, durch eine Aufstockung der EFSF, aber auch durch die Vermeidung eines frühzeitigen Schuldenschnitts für Griechenland, eine Ausbreitung der Schuldenkrise in Europa abzuwenden, ist gescheitert.

Auch wenn sich die Lage kurzfristig durch neue Regierungsumbildungen ein wenig entspannt, die Realität wird die Politik schneller einholen, als ihr lieb sein kann.

Sämtliche Anleihespreads anderer EWU Mitgliedsstaaten zur deutschen Benchmark weiten sich kontinuierlich aus. Deutschland bildet spätestens jetzt die letzte Bastion finanzieller/wirtschaftlicher Schlagkraft in Europa, der die Märkte noch vertrauen.

Kurzfristig einziger Ausweg für den Rest Europas ist die EZB, oder eine Banklizenz für der, die, das EFSF. Beides scheitert am deutschen Widerstand. Noch! 

Problem, wenn durch massive unbegrenzte Bondskäufe noch einmal Extra Time für die akuten Sorgenkinder in der EWU erkauft wird: Politische Maßnahmen und Entscheidungen brauchen zu viel Zeit bis sie umgesetzt werden und greifen. Die Frage ist vielmehr: Ist es nicht schon zu spät, um die Schuldenlawine zu stoppen? Die Marktdynamik hat den Point of no Return wohl bereits überschritten und die Messer werden gewetzt.

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Image: Simon Howden / FreeDigitalPhotos.net

Mal abgesehen davon, dass es sehr fraglich ist, ob sämtliche Wackelkandidaten in der Eurozone überhaupt im Stande dazu sind, ausreichende Sparmaßnahmen tatsächlich umzusetzen. Wenn jeder anfängt knallhart zu sparen, löst sich das Schuldenproblem dann trotzdem nicht einfach in Luft auf. Andere müssen sich dann zusätzlich verschulden, um das zu bezahlen. Wer soll das sein, wenn alle Haupthandelspartner der eigenen Wirtschaftsgemeinschaft gleichzeitig die Daumenschraben anlegen? Zudem könnte die Haushaltsdisziplin der akuten Problemkandidaten erneut nachlassen, weil der Druck der Märkte erst einmal von ihnen abgehalten wird. 

Für den neutralen Beobachter muss bei einem Blick auf Europa der Eindruck entstehen, als ob hier ein paar einsame, verblendete "Europahelden" mit ein paar Eimern Wasser versuchen, einen außer Kontrolle geratenen Bushbrand zu löschen. Sobald sie ein Brandherd unter Kontrolle gebracht haben, lodert schon woanders der nächste auf.

Dabei muss beachtet werden, Europa leidet grundsätzlich unter zwei gravierenden und voneinander unabhängigen Problemen: auf der einen Seite die unaufhörlich wachsende Schuldenlast (kein europaspezifisches Manko). Zu diesem an sich auf Dauer fast schier unlösbaren Problem - welchem sich irgendwann auch die USA ernsthaft stellen muss, und wird - gesellt sich in Europa jedoch zusätzlich noch die Fehlkonstruktion eines "Schönwetter - Währungsraums" hinzu. Null vorbereitet auf Krisenzeiten, untereinander zerstritten, mit teilweise ziemlich anderen Ansichten und Interessen, ungleicher Wirtschaftskraft, kaum handlungsfähig, schwerfällig, umständlich, langsam, weil jeder seinen Senf dazugeben darf und Entscheidungen blockieren kann und alle Änderungen einzeln in den Mitgliedsstaaten ratifiziert werden müssen.

Die wichtigen Fehler wurden in der Vergangenheit gemacht. Alles was zum jetzigen Zeitpunkt passiert, ist ein Aufschieben des Unvermeidlichen. Die Staaten der EWU als Ganzes haben keine Chance, ihre jetzigen Schuldenberge dauerhaft zu stemmen oder gar nennenswert abzutragen. Eine sich andeutende Abkühlung der Weltkonjunktur könnte  ihr übriges dazu beitragen.

Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich Europa unter dieser Last entwickeln wird. Es liegt in den Händen der Politik, und ganz entscheidend auch in der der deutschen, wie sie mit diesem gigantischen Scheisshaufen umgehen will. Ich bitte um Nachsicht, aber mir fällt auf die Schnelle kein passenderer Begriff hierzu ein.

Der Euro entfalltet nach Jahren des "heididei alles supie" nun eine gegensätzliche Wirkung. Wenn der Spuk vorbei ist, könnte Europa im schlechtesten Fall zerstrittener und labiler dastehen, als vor der Gemeinschaftswährung. Es wäre das Gegenteil dessen erreicht, was ursprünglich angestrebt werden sollte: Einigkeit, Prosperität, internationale Reputation, Verlässlichkeit und ein nicht unnötig starkes Deutschland in der Mitte.

Da die Europäer bisher keinen Mut zu harten Maßnahmen gezeigt haben, ist anzunehmen, dass sie weiter den bequemsten Weg beschreiten werden, bis die "Schuldenmetzelei" richtig in Gang kommt. Wer bei diesem Spektakel dann welchen Beitrag leisten muss, ist aktuell nicht zu überblicken. Absehbar hingegen ist, dass in Zukunft jemand bluten wird. Auf irgendeine Art und Weise werden Schulden und Vermögen gegenübergestellt und dann aufgerechnet werden. Dies ist langfristig der einzige Ausweg, um Problem Nr.1 loszuwerden. Ob es Problem zwei, nämlich den gemeinsamen Währungsraum in seiner heutigen Konstellation, dann überhaupt noch geben wird, kann bezweifelt werden.

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Kommentare

Tja, das ewige Problem unseres Geldsystems: Wo finden sich jetzt Akteure, die sich verschulden...
Kommentarnr1 gepostet von Geld-Zitate am 10.01.2012 um 12h58
Es ist seit Jahrzehnten gang und gäbe, dass öffentliche Haushalte in beträchtlichem Maße über Schuldenaufnahme finanziert werden, dass alte Schulden mittels Aufnahme neuer Schulden getilgt werden und so weiter. Die grundsätzliche Ursache der Krise hat mit dem Euro also nur bedingt zu tun: Die zunehmenden Einkommen der Reichen wurden zu knapp besteuert, um die öffentlichen Aufgaben ohne Kreditaufnahmen finanzieren zu können.

Das fiel deshlab bisher nicht auf, weil die Superreichen verhältnismßig viel von ihrem Geld in Finanzanlagen stecken, so dass stets genug Geld da war, um Kredite aufzunehmen. Daran hat sich auch nichts geändert.

Im Grunde hätte Griechenland weiter wursteln können - wären da nicht die Euro-Stabilitätskriterien, deren Einhaltung von Griechenland immer heftiger öffentlich gefordert wurde.

So hatten die Griechen es zunehmend schwerer, Kredite zu vernünftigen Zinsen aufnehmen zu können, zuletzt, überhaupt Kredite von Privat aufnehmen zu können. Und erst damit kam es zum Knall.
Kommentarnr2 gepostet von Winfried Sobottka am 20.11.2011 um 22h20

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Ingmar Folk interessiert sich bereits seit seiner Zeit in der Oberstufe eines Wirtschaftsgymnasiums für die volkswirtschaftichen Zusammenhänge. Das Interesse für die Börse war schon frühzeitig latent vorhanden. Richtig bewußt wurde es dem Autor aber erst, nachdem er im Jahr 1998 mehrere Tagessiege bei der damals erstmals veranstalteten WM-Börse zur Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich einfahren konnte. Seine ersten Echtgeld-"Trades" in Einzelaktien tätigte er aber erst einige Zeit später. Den Entschluß Profitrader zu werden, fällte er im Jahr 2004. Seit dem Jahr 2008 handelt er professionell als selbständiger Trader. Bei seinem Handelsansatz stehen die Eurex-Märkte im Vordergrund - allen voran der Bund-Future.


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